Freunde auf leisen Pfoten - Leben mit Katzen
Madamchen Fussel
Und so hält die Familie auch
ein Katzentier sich zum Gebrauch.
Jederzeit zum Zeitvertreib
und allgemeiner Heiterkeit.
So will es der Familienbrauch
und die Familie will es auch.
Vielleicht wären Katzen und Menschen nie zusammen gekommen, hätte die Evolution dem Menschen nicht zu zwei entscheidenden Vorteilen verholfen. Zum einen zur Fähigkeit, Katzenfutter in Büchsen abzufüllen und zum anderen dazu, den Büchsenöffner zu erfinden und zu benutzen. Was dem Menschen seine logisch-abstrakte Ingeniösität ist der Katze ihre kumpelhafte Korruptheit. Solange man den Büchsenöffner bedienen kann, ist einem der Platz in ihrem Herzen sicher. Der Schlüssel dazu ist der Büchsenöffner. Das Ganze bringt nicht viel ohne den Büchsenöffner. Dieser ungeschminkten Wahrheit sollte jeder Katzenbesitzer möglichst frühzeitig ins schwiemlige Auge blicken. Entgegen allen anderslautenden Beteuerungen hält nicht der Mensch die Katze, sondern die Katze den Menschen, aber nur solange er das mit dem Büchsenöffner hinkriegt.
Frisch ins Leben entlassene Kätzchen finden in der Regel ohne große Anstrengung zu ihrem Büchsenöffner. Kleinen Königstigern stehen dafür alle Transportmittel dieser Welt offen. Mitfühlende Gutmenschen, die eigenen Kinder, deren Freunde oder die Ehefrau. Einer der üblichen Verdächtigen wird das Teil anschleppen und es wird kläglich miauend die ersten Tage wahlweise hinterm Schrank, unterm Bett oder zwischen Wand und Kühlschrank hausen und die ganze Wohnung als riesiges Innenkatzenklo ansehen.
Der überwiegenden Mehrheit der Stubentiger ist eine Karriere als solcher nicht in die Wiege gelegt worden. Im Regelfall stammen sie aus den vielbesungenen "kleinen Verhältnissen" und steigen meist in Scheunen, Stallungen oder Holzschuppen ins Geschehen ein. Unser Madamchen ist auch so eine Schuppenkatze und es muss bezweifelt werden, ob sie sich von einigen ihrer charakterlichen Defizite, die sie in diesem Schuppen erworben hat, jemals verabschieden wird. Wahrscheinlich eher nicht. Was der Fussel nicht lernt, lernt die Fluse nie und nimmer. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm und wenn man das liebe Katzentier unter die psychoanalytische Lupe legt, scheint sich die Erziehung ihrer Mutter in dem Prinzip "... wenn die Zweibeiner etwas zu dir sagen oder etwas mit dir machen, das du nicht verstehst... feste kratzen, feste beißen... es könnte eine Beleidigung sein..." erschöpft zu haben. Entweder fühlt sich die Katze relativ häufig beleidigt oder sie versteht wirklich nicht allzu viel, jedenfalls drängt sich einem dieses betrübliche Urteil angesichts arg zerkratzter Hände und Unterarme doch zwingend auf.
Fussel war gerade mal zehn Wochen alt, als sie ihren Schuppen verließ und sich in unserer damaligen Wohnung wiederfand. Sie machte unters Bett, ruinierte im Vorbeigehen den einen oder anderen Sessel und bezog anschließend Quartier hinterm Kühlschrank, wo sie die ersten zwei Tage blieb.
Fussels Mutter hätte das nicht besser hinbekommen können. Sie war die was-weiß-ich- wievielste Infantin einer stolzen Katzokratie von Schuppenkatzen, halbwild, streichelabstinent und jedes Jahr aufs neue trächtig, als würde sie hoffen, durch fortwährende Reproduktion ihre Situation verbessern zu können. Jeder ist seines Glückes Schmied aber nicht jeder Schmied hat Glück. Der Mehrheit ihrer Nachkommen war kein langes Leben beschieden. Die meisten verschwanden auf Nimmerwiedersehen oder endeten als Straßenbelag.
Wir werden nie erfahren, was Fussel damals wohl dazu bewogen hat, sich als einzige ihrer Geschwister streicheln zu lassen, als Regina auf der Suche nach Jungkatzen in die Tiefe des Schuppens tauchte. Vielleicht hatte das irgendwie mit dem Büchsenöffner zu tun. Für Fussel bedeutete diese Entscheidung jedenfalls den Beginn eines anstrengenden, dafür aber mit Sicherheit längeren Lebens.
Für unsere Familie brachte Fussel allerdings auch ein paar Neuerungen auf den Plan. In den ersten Monaten bestand die Beschäftigung mit der Katze streng genommen nur im familieninternen Streit, wer eigentlich als nächster an der Reihe sei, Blut abgenommen zu bekommen.
Richard hatte dabei besonders zu leiden. Bis zu dem Tag, als wir die Wohnung für immer verließen, um unser Haus am Waldrand zu beziehen, beglückte ihn die Katze mit einem Weckritual nach Art der Fussel. (... bin ich hart aber herzlich ...).
In den Hotels dieser Welt sind uns schon die verschiedensten Methoden zur morgendlichen Auferstehung unterbreitet worden (mit nassem Lappen, mit Küsschen oder dem altgedienten wake-up-call), Fussel jedenfalls fügte diesen Spielarten die Variante des morgendlichen Zehenhackens hinzu.
Wer keine eigenen Probleme hat, schafft anderen welche. Fussels Probleme, die sie Richard machte, waren vom feinsten. Da zeigte sie wirklich Einsatz. Tägliches frühes Aufstehen führt bekanntlich zur Verproletariarisierung der Intelligenz. Nicht einmal davor schreckte die Katze im Interesse der Sache zurück. Böse Zungen mögen behaupten, dass nichts in ihr war, was eine Verproletariarisierung ernsthaft hätte befürchten müssen ... wir jedenfalls wollen dann doch den barmherzigen Mantel des Schweigens über das Elend dieser Diskussion breiten. Allmorgendlich saß sie schon zu unchristlich frühen Zeiten in freudiger Erwartung vor der verschlossenen Kinderzimmertür und lauerte, bis der erste schlaftrunkene Zweibeiner (also in der Regel Regina) den „Sesam öffne dich” gab. Dann glitt Fussel schneller als ihr Schatten die Leiter zur oberen Etage des Doppelstockbettes hinauf und versenkte ein gutes Dutzend nadelspitzer Krällchen in Richards großen Zeh. Von dem Schmerzenschrei wurde gleich Conrad mit wach und Fussel begab sich, lasziv mit dem Hintern wackelnd, in Richtung Küche. Jetzt, wo das erledigt war, konnte man schließlich auch gleich frühstücken. Wer behauptet eigentlich, dass immer nur High Heels die Waffen einer Frau sein müssen?
Richard fragte sich was er diesem Biest eigentlich getan hatte und ich fragte mich in ruhigen Momenten, ob wohl bei beiden Kindern mit irgendwelchen Spätfolgen zu rechnen sei.
Schließlich kenne ich meine Berührungsphobie an den eigenen Füßen ebenso gut wie meine extreme Geräuschempfindlichkeit morgens zwischen sechs und sieben.
Conrad musste zwar allmorgendlich mit anhören, wie sein Bruder den Schmerzensmann gab, blieb aber ansonsten von Fussels Attacken verschont. Die Katze behandelte ihn sogar mit völlig untypischen Respekt. Wir waren schon kurz davor an die therapeutischen Fähigkeiten eines Vierjährigen zu glauben, als wir die Architektenrolle mit den Bauplänen unseres Hauses in seinem Bett fanden. Fussels Demut gegenüber Conrad hatte nur einen einzigen Grund. Sobald sie sich ihm auf mehr als drei Schritt in eindeutiger Absicht näherte, bekam sie mit der Rolle einen Scheitel gemauert. Wir haben uns auch nicht darüber gewundert, wie schnell sich Fussel später im neuen Haus zurecht fand. Der Grundriss war ihr ja förmlich ins Hirn geschlagen worden.
Fussel hatte das Pech in eine Pendlerfamilie geraten zu sein. Die überwiegende Anzahl der Wochenenden verbrachten wir damals in Dresden. Fürs Madamchen bedeutete dieser Umstand die Ausbildung zur Reisekatze. In der Welt der Domestizierten vertreten Katzen die Erzkonservativen, denen jede Veränderung zuwider ist und Fussel litt entsprechend. Aus ihrer Sicht müssen diese Wochenendveranstaltungen reine Horrortrips gewesen sein. Undemokratische Horrortrips. Denn ein Mitspracherecht für Fussel wurde nicht vorgesehen.
Statt dessen wurde sie ohne größere Vorwarnung gepackt, in einen Katzenkorb gezwungen und aus ihrem Vierzimmerwohnungsrevier in die unbekannte Außenwelt geschleift. Die Reaktion der Katze auf diesen Übergriff ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wir waren das Letzte und wurden entsprechend gekratzt. Leider verleitete das ihre renitenten Besitzer nicht dazu, von ihrem Vorhaben abzulassen. Als das Auto die ersten hundert Meter der einhundertdreißig Kilometer zwischen Zwickau und Dresden zurück gelegt hatte, öffnete Fussel die Schleusentore zum absoluten Räumungsverkauf. Alles musste raus. Es plätscherte fröhlich aus dem Katzenkorb auf die Sitzpolster und von dort auf die Fußmatten. Kraftfahrzeugsbewässerung wurde für Fussel zur liebgewonnenen Gewohnheit. Es gab einfach keine Fahrt ohne Katzenentleerung. Der Katzenkorb wurde mit einer Gummimatte ausgelegt und Einlagen zum Wechseln mitgenommen. Schon auf der ersten Fahrt gelang es Madamchen den Korb zu verlassen. Den Rest der Fahrt verbrachte sie festgekrallt auf der Kopfstütze des Beifahrersitzes balancierend. Als wir sie in Dresden wieder abzwackten, war die Katze derart verspannt, dass sie keine koordinierten Bewegungen für eine vernünftige Gegenwehr mehr zusammen brachte.
Wir hatten die Vorstellung, Fussel in der Dachetage des Dresdner Hauses einzusperren. Dort wurden auch ihr Fressnapf und (als Allerheiligstes) das Katzenklo aufgestellt. Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. So etwas klappt nie. Nachdem sich Fussels Muskeln wieder etwas gelockert hatten, nutzte das liebe Tier die Gelegenheit, durch die nicht korrekt geschlossene Tür in die unteren Gelasse zu entweichen, wo es die Bekanntschaft mit Mutschi, dem Kater von Reginas Mutter machte. Die sich anschließenden Jagd- und Reiterfestspiele endeten für Fussel im Kaminschlot des Arbeitszimmers. Knapp unterhalb der Zimmerdecke gab es einen Querstein auf den sich Madamchen geflüchtet hatte. Aus der Wand ertönte klagendes Miauen. Mutschi wurde (sehr gegen seinen Willen) hinausgeschafft und dann gingen wir mit Besenstielen und Pflanzstangen daran, Fussel zum Verlassen des Kaminschlotes zu bewegen. Fussel wollte bleiben. Nach mehreren Versuchen gelang es uns zwar nicht, die Katze zur Meinungsänderung zu bewegen, wir schafften es aber, den kleinen Kaminkehrer selbst zu bewegen. Dank der Erdanziehung landete unser Oliver Twist unsanft aber unbeschadet auf dem Ascherost.
Ich weiß nicht, wie die Katze es damals schaffte, ohne unsere Hilfe wieder sauber zu werden, zumal Madamchen schmutztechnisch extrem ungünstig gefärbt ist - schneeweiß mit schwarzen Flecken, ganz wie ein Fußball. Weiße Katzen neigen zum Ergrauen, früher oder später tendiert jede von denen ins dunkelweiß. Jetzt im neuen Haus, wo sie nach draußen kann und der Wald in der Nähe ist, beginnt Fussel langsam die Farbe eines alten Bettvorlegers anzunehmen. Wenn es abends regnet oder sehr kalt ist, sitzt Fussel auch gerne unter unseren Autos, am liebsten, wenn man gerade erst angekommen ist und der Motor noch ordentlich Hitze abstrahlt. Die Schmierölmarken auf ihrem Rücken trägt sie oft tagelang mit sich herum. Danach sind sie verschwunden. Auch nach ihrem Kaminausflug sah sie zwei Tage lang ziemlich bemitleidenswert aus, dann war kein Aschekrümel mehr zu sehen. Es bleibt Fussels Geheimnis, wie sie diese Sorte Flecken zum Verschwinden bringt. Sollte sie das alles zungentechnisch weggeputzt haben, dürfte Madamchen ein Lungenbild haben wie der Marlboro-Mann.
Autos schätzt sie nach wie vor am ehesten von unten als Regendach und Wärmespender und das, obwohl ihr ja ein warmes, trockenes Haus zur Verfügung steht. Eine Autofahrt mit Fussel gerät unweigerlich zur Katastrophe. Eine der Rückfahrten von Dresden nach Zwickau ist mir besonders in Erinnerung geblieben, als Fussel in einen neuen, stabileren Katzenkorb verfrachtet wurde und da Georg und Paul auch auf der Rückbank saßen, die Reise im Korb auf Georgs Schoß absolvieren sollte.
Als Fussel begriffen hatte, dass es aus diesem Katzenkorb kein Entrinnen für sie geben würde, stand wieder einmal "Baby Strull" auf dem Programm. Sie presste sogar den Hintern gegen die Gitterstäbe um eine größtmöglichste Reichweite zu erzielen. Kunst kommt eben von Können. Auf der Rückbank erhob sich der Knabenchor. Protestgesang für drei Stimmen. In Schriftgröße vierundzwanzig, fett und unterstrichen. Ich glaube mich daran zu erinnern, dass für ein paar Sekunden sogar die Forderung aufgemacht wurde, die Katze möge sich verpissen.
Eigentlich dachten wir damals, dass Fussel nach dem Kaminsturz zu Dresden den Kanal gestrichen voll haben würde. Wir sollten und hinsichtlich der Nehmerqualitäten einer echten Schuppenkatze täuschen. In der Nacht knurrte Mutschi von der einen Seite der Dachgeschosstür und Fussel an der anderen. Erst gab es seltsame Gesänge zweier Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten, dann gab die Tür nach und dann wuchs zusammen, was definitiv nicht zusammen gehörte. Und wir durften es trennen. Die Nacht war im Eimer. Fussel war allerdings auch im Eimer. Als wir am späten Sonntagabend wieder in heimische Gewässer einliefen, brach die Katze vor ihrem Kratzbaum auf dem Teppichboden zusammen und schlief anderthalb Tage am Stück. Der Kratzbaum stand neben dem Wohnzimmersofa und normalerweise lag Fussel abends auf der obersten Plattform und sah gemeinsam mit der Familie fern. Da sie auch die Rückfahrt auf der Kopfstütze des Beifahrersitzes verbracht hatte, kam die letzte Klettertour des Tages nicht mehr in Frage. Wir mussten das edle Tier heben. An diesem Abend interessierte sie das deutsche Fernsehprogramm nicht mehr die Bohne, was für uns Beweis genug war, den öden Stumpfsinn ihres normalen Alltags durchbrochen zu haben.
Mit der Zeit gewöhnte sich Fussel an die wochenendlichen Autofahrten. Die Tage dazwischen nutzte sie zu weiteren Erkundungen der unmittelbaren Umgebung unserer Dachgeschosswohnung. Konkret sah das so aus, dass ich sie mehrfach vom Gaubendach und aus der Dachrinne fischen durfte, während die gefiederten Objekte ihrer Begierde aufpassen mussten, nicht vor Lachen vom Firstsein zu fallen. Das Dach unseres damaligen Wohnhauses wurde nämlich von mehreren Taubenkolonien bevölkert. Allabendlich startete die Katze seltsame Gesänge, langatmig und für unsere Ohren ausgesprochen misstönend. Ich gebe zu, dass wir in Momenten, in denen Fussels Gesang qualitativ mit den Darbietungen der Deutschland-sucht-den-Superstar-Kandidaten mithalten konnte, die Katze ergriffen und auf den Wäschedachboden sperrten, frei nach dem Motto: Geh in Dich und bleib da.
Zu allem Überfluss outete sich Fussel auch noch als frühreifes Früchtchen. Obwohl die Katze noch keine zwei Sommer gesehen hatte, rutschte sie bereits wollüstig jaulend durch die Wohnung. Kopf und Bauch am Boden, den Arsch als höchsten Punkt. Eine echte Femme fatal. Wenigstens ließ sich das Madamchen in dieser für sie unvorteilhaften Pose widerstandslos streicheln. Das ist bis heute so geblieben. Obwohl längst sterilisiert, verfällt Fussel bei neunzig Prozent aller unserer Streichelübergriffe schlagartig in Begattungshaltung ... die alte Schlampe ...
Der für eine Schuppenkatze untypische Lebensstil des Madamchens zeigte Wirkung. Gegen Ende ihrer Karriere als Wohnungstiger schleppte Fussel sechs Kilo Lebendgewicht durchs Dasein. Das gute Tier sah aus wie ein Fesselballon kurz vorm Start. Der Umzug in unser Haus am Waldrand kam gerade noch rechtzeitig.
Am Tag des Einzugs glaubten wir schon, unser Vierbein verloren zu haben. Fussel war plötzlich weg. Wir wollten nach längerer erfolgloser Suche schon mit dem üblichen Trauer-Aufarbeitungs-Zeugs beginnen, als wir die Katze eher zufällig doch noch aufstöberten. Sie hatte sich im Windfang unter eine alte Holzpalette gequetscht und wollte sterben. Ich hatte bis dato zwar gewusst, dass sich Katzen extrem dehnen können, dass sie aber auch den Zustand des Breitfließens beherrschen war mir neu.
Fussels erste Schritte in die relativ sichere Freiheit des Gartens waren eher zögerlich. Anfangs begab sie sich nur nachts nach draußen und selbst dann blieb sie im Schatten, den der Dachstand unseres Hauses dem Mondlicht abtrotzte. Obwohl wir bezüglich des geistigen Gesundheitszustandes dieser Katze nie wirklich Zweifel gehegt hatten, wurden wir nun doch nachdenklich und übten uns in Selbstzerfleischung. Wir hatten sie ihrer natürlichen Möglichkeiten beraubt und zu einer Karriere als handzahmer Stubentiger gezwungen, das Madamchen hätte mehr geistiger Anregung bedurft und nun müssten wir uns über das Ergebnis - eine verweichlichte, fresssüchtige und ihrer natürlichen Urinstinkte verlustig gegangene Fellkugel - nicht wundern...
Die Natur ist stärker als menschliche Bedenken. Es dauerte eine Weile, bis Fussel den Lockruf der Wildnis vernahm, aber dann erlag sie ihm. Mit angelegten Tütenöhrchen und grashalmpflügendem Bäuchlein waberte sie über die Wiese, fest entschlossen, ihr Fell so teuer wie möglich zu verkaufen. Es sah aus als hätte sie einen ganzen Napf Paranoia gefrühstückt.
Irgendwann fiel uns auf, dass die Katze nun auch tagsüber im Garten herum tigerte. Bald wagte sie sich ins Unterholz des Waldes hinter unserem Haus, der von den Einheimischen aufgrund seines Eichen- und Buchenbestandes nur der Saurand genannt wird. Aber bis heute entfernt sie sich nie außer Sichtweite, was allerdings nicht heißt, dass man sie auch sieht. Katzen begnügen sich mit kleineren Revieren als Kater und da Fussel bis heute nicht einmal uns gegenüber sonderlich zutraulich oder gar - Gott bewahre - schmusebedürftig daherkommt, besteht auch keine Gefahr, dass irgendwelche Katzophilen sie kidnappen. Man muss also davon ausgehen, dass unsere Wege noch eine ganze Weile nebeneinander her laufen.
Die Nähe unseres Anwesens zum Wald führte dazu, dass Fussel sich einer für jede Katze unwiderstehlichen Versuchung zu stellen hatte : Vögel!
Amseln, Meisen, Grünfinken, Kleiber, Eichelhäher, Wildtauben, Spechte und sogar Enten beherrschen den Luftraum um unsere Baumkronen. Fussel war elektrisiert und wieder begann, wie damals mit den Tauben in der Dachgeschosswohnung, eine endlose Kette von Demütigungen für das unerfahrene Tier. Niemand von uns hat mitgezählt, wie oft eine am Boden zerstörte Fussel auf die Terrasse geschlichen kam, deren ganze Körperhaltung die totale Demoralisierung verkündete. "Amsel nicht gekriegt!"
Raubtiere sind Motivationskünstler. Schon beim nächsten Amselflug war aller Frust vergessen und Fussel warf sich erneut in einen vergeblichen Spurt. Schließlich würde sie sonst nie erfahren wie es denn wäre, wenn man denn so eine Amsel hätte ...
Inzwischen haben sich eine Meise und eine Amsel den tödlichen Luxus einer völligen Fehleinschätzung der Lage geleistet und diese Welt höchst unfreiwillig verlassen. Fussel weiß nun wie sich Jagderfolg anfühlt. Die Vögel sind wieder vorsichtiger geworden. Sie wissen, dass ihnen das Madamchen nicht wirklich gefährlich werden kann, solange sie wie gewohnt wachsam sind. Sie wissen aber auch, dass ein Überraschungserfolg jederzeit möglich ist und dass sie in diesem Fall die alleinig Schuldigen wären.
Als Revierinhaber ist Fussel sozusagen neu in der Stadt, wie in der klassischen Filmszene: Fremder betritt Westernsalon. Es kamen etliche vorbei die es wissen wollten und bekamen vom Madamchen Saures serviert. Nie hätten wir es für möglich gehalten, dass dieses Tier kämpfen konnte. Aber unser Grundstück ist lupenrein katzenfrei.
Wirklich glauben konnte ich es allerdings erst als Herr Friedrich, der schwarze Alpha-Kater des Straßenzuges in der Demutshaltung des Unterlegenen vor Fussel im Staub lag und sich anschließend mit der Vorsicht eines Geschlagenen entfernte, der die Erlaubnis bekommen hat zu gehen. Fussel trug bei dieser Klärung der Verhältnisse zwar ein paar tiefe Schrammen auf der Nase davon, aber Herr Friedrich umstreunt bis heute unser Anwesen in gebührendem Abstand.
Dann gab es da noch das "Streifenhörnchen", ein noch nicht einmal einjähriger silbergrau getigerten Schönling, der Anstalten machte, bei uns einzuziehen. Obwohl das "Streifenhörnchen" über keinerlei für uns erkennbare Fähigkeiten verfügte, gelang es ihm dennoch, sich mit unserem Besen zu arrangieren. Fussel ließ ihn sogar zu uns in Haus kommen und folgte ihm bei seinen Streifzügen durch die Zimmer auf Schritt und Tritt. Das war die Zeit, in der sich Fussel ihren Ehrentitel eines "Aufsichtsrats" erwarb. Im Frühjahr verschwand das "Streifenhörnchen" so plötzlich, wie es gekommen war. Wir vermuten, dass jemand dieses hübsche und sehr zutrauliche Tier mitgenommen hat, eine Befürchtung die uns in Bezug auf den "Aufsichtsrat" nicht wirklich quält.
Zur Zeit gibt es etwas das zwischen uns und Fussel steht, nämlich Zecken. Es gibt keinen Streifzug durch den nahe gelegenen Wald, bei dem sich Fussel nicht diese blutgierigen Trittbrettfahrer aufliest. Natürlich müssen wir ihr die Zecken (auch im eigenen Interesse) entfernen, was nicht ohne heftigste Gegenwehr über die Bühne geht. Ich weiß nicht wie viele von den Biestern wir ihr schon raus operiert haben. Eigentlich kann in der Katze gar nicht mehr genügend Blut vorhanden sein aber wenn dass Madamchen zu ihren ausgedehnten Streifzügen antritt, singen die Zecken immer wieder "jour le Taxi" im Chor.
Kritische Geister fragen manchmal, warum wir uns diese Katze eigentlich antun. Sie ist weder besonders hübsch, noch besonders klug und nicht im entferntesten auch nur ungefähr so etwas ähnliches wie anschmiegsam oder gar liebebedürftig. Dafür sind wir genau das und damit gehen wir dem Madamchen gepflegt auf den Geist. Ständig wollen wir mit ihr schmusen oder das fusselige Fellkleid kämmen. Streicheleinheiten sind etwas für Miezekatzen. Im Reich der Fussel schafft "anschmiegsam" nicht die Butter aufs Brot, nach dem Fellkämmen spielen Zecken und Flöhe zwischen den Zinken des Kammes verstecken, und dafür wird sie dann auch noch mit dem liebevollen Spitznamen "Flohsack" tituliert. Eigentlich kein Wunder, dass sie nicht darauf steht.
Mittlerweile beginnt Fussels Fell die Konsistenz einer alten Kokosmatte anzunehmen. Künstlernamen sind in unserer Familie die Regel. Jedes Mitglied trägt einen ganzen Sack davon durchs Leben. Da fällt Fussels neuester als das "Mättchen" nicht weiter ins Gewicht. Aufgrund der Drecktapsen, welche Fussel bei Regenwetter an unseren Fensterscheiben und an der Glastür hinterlässt, muss sie sich auch hin und wieder "Frau Schmutzpfote" rufen lassen. Könnte die Katze unsere Sprache verstehen, würde sie uns wahrscheinlich umbringen.
Die Haltung der Fussel birgt durchaus kleine wenn auch unscheinbare Freuden. Man sollte es nicht als personengebundene Zuneigung fehl interpretieren, aber es ist schon schön, wenn man im Garten steht und einem ein Fellknäuel um die Beine streicht. Ob es stürmt, schneit oder die Sonne scheint, das Begrüßungsritual wird abgearbeitet. Erst wenn Fussel ungefähr zwei Handvoll Katzenhaare auf meinen Hosenbeinen verteilt hat, weiß ich, dass ich zu Hause bin.
Von Anfang an hat uns begeistert, in wie viel verschiedenen Tonlagen das Madamchen miauen kann. Anklagend, fordernd, gurrend, glucksend, quieksend. Außerdem kann sie noch schnurren, gnuckern, brummen, fauchen und knurren. Am liebsten alles in Zeitrafferabfolge nacheinander. Just in time ist auch für Katzen manchmal nicht die Lösung sondern Teil des Problems. Es kann vorkommen, dass sich Fussel voll Wonne unterm Kinn oder hinter den Ohren streicheln lässt und dazu furchterregend knurrt. Dafür werden heftige Kratz- und Beißattacken von einem völlig entspannten Schnurren begleitet.
In einem schlauen Buch hat Regina gelesen, dass Katzen mit einer breit gefächerten Tonpalette von Tierpsychologen als "gesprächig" bezeichnet werden. Fussel scheint also eine ausgesprochene Klatschtante zu sein.
Vielleicht sind es gerade ihre charakterlichen Defizite, mit denen unser "Fussulator" die Herzen wärmt. Menschen sind eben komisch gestrickt. Lieb und brav ist schön und gut und weniger ist manchmal mehr. Fussel hält die Familie in Schwung und ohne das Madamchen wäre nicht nur unser Garten ein gutes Stück leerer.
2004
Da winkte der König seinem ersten Kammerherrn, er solle die Krallen der Katze zählen. Der Kammerherr packte die Katze, um zu zählen, aber gleich richtete er sich wieder auf, ganz rot im Gesicht, betastete seine Nase und sprach: „Herr König, es werden alle in allem wohl zwölf sein. Ich allein habe acht gezählt, vier auf jeder Seite.”
Aus "Das große Katzenmärchen" von Karel Čapek