Samsara & Sir Willibald
Regina, Richard, Conrad & Peter von Fircks
Vorwort
Für Erwachsene. Die brauchen immer eins.
Eigentlich unnötig.
Dafür aber kurz.
Versprochen.
Die schönsten Wochen im Jahr sind für die Schulkinder die Ferien.
Für deren Eltern ist es der Urlaub und da Kinder und Eltern eine Familie sind, verbringen sie ihren Ferienurlaub zusammen.
Wir fuhren mit dem Auto. Bis nach Frankreich.
Der Name Frankreich bedeutet nicht, dass es Frank dort reicht, sondern „Reich der Franken”. Scheint aber auch nicht mehr ganz so zu stimmen, denn heute wohnen die Franken in Deutschland. In Ober- und Unterfranken oder genauer gesagt in Bayern. In Frankreich leben inzwischen Franzosen.
Ganz früher hieß Frankreich auch nicht Frankreich, sondern Gallien.
Wir befinden uns im Jahr 50 v. Ch. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten ...
Wer kennt es nicht, dass kleine gallische Dorf? Kann man Asterix und Obelix eigentlich nicht mögen? Und Idefix, Miraculix, Troubadix und Majestix natürlich nicht zu vergessen. Ihretwegen mussten die gallischen Kriege Roms als Comic neu geschrieben werden.
Wir fanden kein von unbeugsamen Galliern bewohntes Dorf. Man leistete uns touristischen Eindringlingen auch keinen Widerstand. Satt dessen waren wir geladen, gegen Bezahlung die beeindruckenden Schlösser und Burgen entlang des Loire - Flusses zu besichtigen. Richard und Conrad interessierten die Schlösser nicht wirklich. Interessanter waren da schon die Schloss-Shops, in denen es unzählige verschiedene Ritterfiguren käuflich zu erwerben gab.
Unnötig zu erwähnen, dass Conrad in einem bunten Stoffbeutel bereits eine ganze Ritterarmee und andere Kunststoff-Figuren, wie den Drachen Butterpfote oder den dicken Frosch Ottfried mit sich führte. Neue Ritter brauchte er. Sonst würde er sterben. Sofort, äußerst qualvoll ... und wir wären dran schuld. Nach langen Verhandlungen einigten wir uns schließlich auf einen Ritter pro Schloss.
Kaum war der Pakt geschlossen, stieg sein sieben Jahre älterer Bruder Richard - den wir fälschlicherweise dem Ritteralter als entwachsen ansahen - im ganz großen Stil ins Rittergeschäft ein. Er wusste genau, welchen Ritter sich Conrad als nächsten zu wünschen hatte. Conrad solle doch noch auf einen Morgensternträger, einen Hellebardenkämpfer und einen Armbrustschützen bestehen. Der zaghafte Vorstoß seiner Mutter, er könne doch auch einen Zauberer, ein Gespenst und eine Elfe in seine Aufmarschpläne einbeziehen, stieß ins Leere.
Regina sah sich gezwungen, zu härteren Erziehungsmaßnahmen zu greifen. In Villandry kaufte sie sich einen wunderschönen Zauberer, der in einem nachtblauen Gewand, das mit goldenen Sternen bedruckt war steckte, mit einem Feuer in der einen und einem Zauberstab in der anderen Hand. Majestätisch fiel ihm sein schneeweißer Bart auf die Brust.
Conrad weinte. Jetzt wollte er einen Zauberer. Und ein Gespenst. Richard dagegen mochte den Zauberer überhaupt nicht. Er drehte dass Kerlchen um und las laut und vernehmlich „Made in China” vor. Doch der Zauberer hatte von Regina bereits einen Namen bekommen, der so abenteuerlich klang, wie die nie zu entdeckenden fernen Länder der Phantasie.
SAMSARA.
Und sein Zauberstab war eine Lure, ein gigantisches Horn, dessen trompeten die bösen Ritter vom Zaubererschloss fern hielt. Ganz vorwitzigen Rittern drohte SAMSARA mit einem Feuerstoss. Conrad war fasziniert, mochte Richard da maulen, was er wollte.
Später in der Bretagne kam tatsächlich noch ein absolut krasses Gespenst dazu. Mit ausgebreiteten Armen und einer schweren Sträflingskugel an einer Kette. Auch dieser Geselle war „Made in China” und außerdem hatte man ihm dort Leuchtfarbe auf den Wanst gepinselt, so dass er im Dunkeln gespenstisch fahl schimmern konnte. Mehrere Nächte spukte das Gespenst notgedrungen auf dem Campingplatz im Wohnwagen unter Conrads Bettdecke, wo der sich an dessen Leuchten erfreute. Es war nicht einfach, einen passenden Namen für dass Gespenst zu finden. Regina schlug als „Arbeitstitel” SIR WILLIBALD vor, bis wir etwas besseres gefunden hätten. Wie das immer so ist im Leben, blieb Sir Willibald sein Name erhalten, weil wir weder etwas besseres fanden noch danach suchten.
Als letzter stieß Celthusa zu der magischen Truppe. Den hatten wir Richard zu verdanken, der inzwischen zumindest mit Zauberern und Gespenstern seinen Frieden geschlossen hatte. Elfen und Prinzessinnen lehnte er allerdings nach wie vor ab. Dieser Celthusa war ein finsterer Bursche, ein Knochenmann in einem langen, wehenden Mantel. In jeder Skeletthand trug er eine mehrläufige Pistole und in seinem Gürtel steckte ein riesiger Krummsäbel. Bei genauerem Hinsehen steckten auch noch Dolche in seinen Stiefelschächten. Ein elender Kerl. Dem war nicht zu trauen. Seinen Namen hatte Richard einem Computerspiel entliehen, dem auch nicht zu trauen war.
Trotzdem retteten uns nur SAMSARA, SIR WILLIBALD, CELTHUSA, der Drache BUTTERPFOTE und der dicke Frosch OTTFRIED über die fast zweitausend Kilometer lange Rückfahrt von der Bretagne nach Zwickau. Während unser Auto keuchend den Wohnwagen durch die endlose Ödnis der Champagne zog, entstanden lange Geschichten über ihre schwierige Freundschaft. Gemeinsam feilten wir an ihren Erlebnissen und Abenteuern. Als wir die deutsche Grenze erreichten, steckte ein ganzes Buch in unseren Köpfen. Eine Urlaubserinnerung der besonderen Art.
Allen Eltern, die keine Geschichtenerfinder werden wollen, kann ich nur empfehlen, keine in Kunststoff eingesperrten Zauberer oder Gespenster zu kaufen. Die Dinger leben.
Ehrenwort.
Als talentiertestem Schwätzer der Familie fiel mir die Aufgabe zu, die zauberhaft - gespenstische Freundschaft von Samsara und Sir Willibald aufs Papier zu bannen.
Hier ist sie.