Samsara & Sir Willibald
Regina, Richard, Conrad & Peter von Fircks
3. Kapitel
Sir Willibald arbeitet.
Samsara räumt.
Ottfried schäumt.
Irgendwie geht's nicht.
Sir Willibald trat seinen Dienst auf dem Nebelschloss an. Schon bald wurde allen anderen Bewohnern klar, dass er als Gespenst keine heiße Nummer war. Statt schneeweiß in der Dunkelheit zu strahlen, brachte Sir Willibald nur ein fahles Leuchten zustande. Sein Stöhnen und Heulen erinnerte an den Gesang einer einsamen Nebelkrähe im November. Kettengerassel und Türengeknall waren auch eher mangelhaft. Gott sei Dank kam niemand am Nebelschloss vorbei, der ernsthaft hätte erschreckt werden müssen. So konnte Samsara großzügig darüber hinweg sehen, dass es Sir Willibald nicht brachte.
Die Probleme begannen nach der ersten Gewitternacht. Beim Aufleuchten des ersten Blitzes war Sir Willibald murrend aber folgsam nach draußen gegangen um auf den Zinnen des Schlosses mit seiner Eisenkugel zu patrouillieren. Zu seiner Ehrenrettung muss gesagt werden, dass Sir Willibald ernsthafte Beschädigungen des Schlosses verhinderte. Fünfmal schlug der Blitz in ihn ein. Gespenster sind hart im Nehmen. Dolche, Schwerter und Lanzen gehen durch sie hindurch wie durch Nebel. Patronen und Kanonen können ihnen nichts anhaben. Blitze zwicken sie ein wenig, aber bisher ist noch jedes Gespenst, das einen massiven Gegenstand aus Eisen bei sich trägt, mit allen Blitzen fertig geworden. Am Ende der Geisterstunde sind sie etwas müder als sonst, das ist alles.
Sir Willibald musste gar nicht so lange warten. Unvermittelt wie es begonnen hatte, endete das Gewitter. Der völlig durchnässte Sir Willibald huschte erleichtert ins trockene Schlossinnere. Auf dem Weg zum Badezimmer, wo er sein Hemd zu trocknen gedachte, musste Sir Willibald das Billardzimmer queren. Auf der Anrichte über dem grünen Filz der Spieltische stand eine dickbauchige Karaffe, die mit Rotwein gefüllt war. Sir Willibald blieb wie angewurzelt stehen. Die Karaffe erinnerte ihn ans Leben. Zu Lebzeiten hatte er gerne mal Wein oder Bier getrunken. Gegen einen kleinen Schluck Rotwein konnte nach so einem Sauwetter eigentlich nichts sprechen. Schließlich war heute fünfmal der Blitz in ihm eingeschlagen, so was haute auch das stärkste Schlossgespenst aus dem Hemd.
Es geschah was geschehen musste. Sir Willibald brachte das weltweit beliebte Stück „Nur ein Gläschen nach der harten Arbeit” zur Aufführung. In Nullkommanix war der gesamte Rotwein in ihm verschwunden. Genauer gesagt in seinem Hemd. Von dort aus flutete er in langen Tropfenketten den edlen Perserteppich des Billardzimmers. Die Natur hatte es nicht umsonst so eingerichtet, dass Gespenster normalerweise nichts essen und vor allem nichts trinken. In Hemden bleibt nun mal außer Flecken nichts hängen.
In die Rotweinpfütze trat im Morgengrauen der dicke Frosch Ottfried, der nur ein paar Partien Billard gegen sich selbst spielen wollte, um sich auf den Tag einzustimmen. Auf dem Billardtisch lag ein rotweingetränktes Bettlaken, dass über Kopfschmerzen klagte und den dicken Frosch Ottfried anschrie, er solle verdammt noch mal doch endlich das Licht ausmachen.
Ottfried war außer sich und rannte zu Samsara petzen. Der arme Zauberer musste schlaftrunken wie er war, die Hinterlassenschaften von Sir Willibald wegzaubern. Besonders der Zauberspruch zur schonenden Tiefenreinigung von Perserteppichen wollte ihm so früh am Morgen nicht recht gelingen. Der Perser behielt einen leichten Rotweinschleier. Dann kochte Samsara Kaffee für Sir Willibald, Ottfried, Butterpfote und sich selbst. Sir Willibald war die Nacht anscheinend nicht gut bekommen. Er schwankte komatös vor seiner Kaffeetasse hin und her und schwor beim Leben seiner Mutter, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Samsara glaubte allerdings sich dunkel daran erinnern zu können, dass Sir Willibald erst vor wenigen Tagen mit Tränen in den Augen von seiner verstorbenen Mutter erzählt hatte.
Vom Rotwein ließ Sir Willibald tatsächlich die Finger. Dafür fand er Samsaras Feierabendbierreserven, an denen er sich nach Gewitternächten freizügig bediente. Das führte allerdings dazu, dass Sir Willibald immer häufiger im Kühlschrank spukte. Manchmal übernachtete er sogar dort, wenn ihn das Ende der Geisterstunde überraschte. Dann fand Samsara am nächsten Morgen ein nasskaltes Bettlaken im Kühlschrank vor, das ihm verschlafen entgegen rülpste.
Samsara übte sich in Pädagogik. Er versuchte Sir Willibald zu verstehen. In einem Selbstversuch zauberte sich Samsara als feuchtes Handtuch eine ganze Nacht lang in den Kühlschrank, fand aber keinen rechten Gefallen daran.
Irgendwie konnte Samsara Sir Willibald nicht richtig böse sein. Zwar waren seine Leistungen als Gespenst nach wie vor unterirdisch und er trank ihm gelegentlich sein Feierabendbier weg, aber für Sir Willibalds Leistungen als Blitzableiter opferte Samsara das Bier gern. Als der Zauberer das Gespenst für seine Einsatzbereitschaft im Kampf gegen die Blitzschläge lobte, meinte Sir Willibald, dass es ihm auf dem Nebelschloss sehr gefiele und dass es eben sein Beitrag für die Schlossgemeinschaft sei, mit der Eisenkugel gegen die Blitze anzutreten. Er wisse selbst, dass seine gespenstischen Qualitäten zu wünschen ließen und irgend etwas müsse er schließlich doch auch für die anderen tun. Im Grunde war Sir Willibald ein lieber Kerl, der einfach nur eine Menge Pech im Leben und als Gespenst gehabt hatte.
Leider ließ der nächste Fehltritt von Sir Willibald nicht lange auf sich warten. In der Nacht war ein kurzes aber heftiges Gewitter mit langen Blitzen und hallendem Donner über den Nebelberg gegangen. Der erschöpfte Sir Willibald ließ nach heldenhaften Kampf sein Hemd am Kaminfeuer der Eingangshalle trocknen und leerte dabei Samsaras Biervorrat. Als er mit beiden Tätigkeiten fertig war, musste er feststellen, dass der Feierabend noch eine gute halbe Stunde entfernt war. Sir Willibald fluchte unflätig und fasste den völlig hirnrissigen Entschluss, als letzte Tat des Tages einen Gang durch die Wand zu wagen. In dieser Disziplin war er besonders schlecht. Mit gutem Zureden von Samsara und höchster Konzentration schaffte er es halbwegs, aber jetzt war Sir Willibald müde, gereizt und nach mehreren Bierhumpen hatte er bereits ordentlich einen im Hemd. Er nahm Anlauf und schwebte auf die Wand zum Billardzimmer zu. In die Wand hinein kam er noch ganz gut, aber nach der ersten Ziegelsteinreihe des Mauerwerks verließ ihn der Mut vor der eigenen Courage. Die Katastrophe folgte stehenden Fußes.
Gespenster müssen nämlich so schnell durch Mauern gehen, dass es die Mauern nicht schaffen, sie zu bemerken. Das ist durchaus machbar, Mauern sind keine ausgeprägten Schnellmerker. Man darf nur nicht den Glauben daran, dass man es schafft, verlieren. Tut man das, dann wird allerdings aus Magie Wirklichkeit und man steckt fest. So wie Sir Willibald in dieser Nacht. Es knackte und krachte im Mauerwerk, Ziegelbrocken und Mörtelreste fielen zu Boden. Es ging weder vor noch zurück. Sir Willibald war gefangen.
Diesmal war Samsara richtig sauer. Da die Mauer Sir Willibald bemerkt hatte, konnte er die Angelegenheit nicht mit ein paar simplen Zaubersprüchen beheben. Den ganzen Tag verbrachten Samsara, Butterpfote und Ottfried damit, ihr chaotisches Lieblingsgespenst aus der Wand zu meißeln. Samsara ging dabei nicht übertrieben sanft mit ihm um. Auch der dicke Frosch Ottfried schäumte vor Wut und der Drache Butterpfote betrachtete kopfschüttelnd den Mauerfall zwischen Eingangshalle und Billardzimmer. Wieder in Freiheit, begab sich Sir Willibald unter dem Absingen hohler Gesänge sofort ins Bett. Er schämte sich so sehr.
Ein kluges Gespenst weiß wie weit es gehen kann, ohne den Bogen zu überspannen. Aber Sir Willibald war kein kluges Gespenst. In den Tagen und Wochen nach seinem missglückten Mauergang war er sehr in sich gekehrt. Eines Nachts sah Samsara, wie die alte Nebelkrähe Sir Willibald im Schlossgarten einen Brief übergab. Am nächsten Morgen fand er sein Telefon in der Eingangshalle. Kein Zweifel, Sir Willibald hatte telefoniert. Samsara drückte die Wahlwiederholung und hörte eine dumpfe Stimme die ihm sagte, dass die gewünschte Rufnummer nicht vergeben sei. Der Zauberer klickte sich durch das Handymenu und stellte fest, dass Sir Willibald in der Nacht fast zehn Minuten lang mit genau dieser Nummer gesprochen hatte. Beim Abendbrot fragte er das Gespenst in strengem Ton, ob es ihm nichts zu sagen habe. Was er denn sagen solle, flötete Sir Willibald unsicher zurück. Samsara beschloss, Sir Willibald in dieser Nacht zu beobachten. Dummerweise nickte der Zauberer nach einem kalorienhaltigen Abendbrot im Sessel vor dem Kamin ein. Er wurde erst wieder mitten in der Nacht vom Pfeifton des Faxgerätes aus seinem Büro geweckt. Samsara stürmte los und erwischte Sir Willibald, der gerade türmen wollte. Das Gespenst drückte einen Stoß Papier gegen seine Brust und versuchte, sich aus Samsaras Griff zu befreien. Die rote Lampe des Faxgerätes leuchtete, der Computer war an.
„Sagst Du mir jetzt endlich was los ist?” Samsara packte Sir Willibald am Hemdskragen und rüttelte ihn ordentlich durch. Sir Willibald schüttelte den Kopf. Samsara ließ ihn los. „Du hast etwas auf dem Computer geschrieben, es ausgedruckt und per Fax verschickt. Na warte, dass haben wir gleich!” Der Zauberer setzte sich an den Computer und klickte den laufenden Bildschirmschoner weg. Samsara wollte gerade die zuletzt bearbeiteten Dateien aufrufen, als plötzlich Celthusa auf dem Bildschirm erschien. Unter dem ehemaligen Piratenkönig erschien folgender Text:
Von diesem Anschluss aus wurde versucht, sich unerlaubt in das Computersystem der Celthusa Spuk & Services AG einzuloggen. Die Celthusa Spuk & Services AG erklärt die Löschung aller Datenbanken dieses Anschlusses zu ihrer eigenen Verfügung.
Auf dem Bildschirm hob Celthusa die rechte Hand und sagte mit Grabesstimme: „Hastalavista, Baby!” Dann klappte ein Fenster auf und Samsara sah in ungläubigen Entsetzen, wie alle Daten, die auf dem Rechner gespeichert waren, gelöscht wurden. Butterpfotes Computerspiele, die Samsara nicht sonderlich vermisste und Ottfrieds Kriminalromane, die es noch in Papierform gab, mussten als erste dran glauben. Als Samsara allerdings die gesamte Buchführung dicht gefolgt von seiner Steuererklärung auf Nimmerwiedersehen vorbei rauschen sah, verlor er die Beherrschung.
„Was hast Du angestellt?” brüllte er den zitternden Sir Willibald an. „Raus hier! Mach, dass Du fortkommst!! Du wandelndes Katastrophengebiet!!! Ich will Dich nicht mehr sehen!!!!”
Wie ein verprügelter Hund schlich Sir Willibald aus dem Nebelschloss. Er hatte dass Burgtor noch nicht erreicht, als die Lure das erste mal seit Jahren wieder ertönte. Sir Willibald schluchzte. Dann wandte er sich ab und ging, ohne sich umzudrehen. Schon nach wenigen Schritten hatte ihn der Nebel verschlungen.