Samsara & Sir Willibald
Regina, Richard, Conrad & Peter von Fircks
2. Kapitel
Eine Bewerbung als Schlossgespenst kommt per Post ins Nebelschloss.
Die Geschichte des Bewerbers.
Samsara starrte den Umschlag eine Weile ungläubig an. Normalerweise schrieb ihm niemand und da er jeden Morgen in seinem Büro dem Papierkrieg zu Leibe rückte, bekam er nicht einmal Zahlungserinnerungen, Mahnungen oder gar Vollstreckungsdrohungen. Als guter Zauberer hatte er die Dinge gern im Griff. Er konnte sich nicht vorstellen, wer um alles in der Welt ihm einen Brief schicken sollte. Zweifelnd blickte Samsara seine Freunde an. „Aufmachen?” fragte er. „Aufmachen” riefen der Drache Bitterpfote und der dicke Frosch Ottfried im Chor.
Der Umschlag enthielt eine Mappe. Auf dem Deckblatt stand: „Bewerbung als Schlossgespenst”. Samsara schlug die Mappe auf und begann zu lesen:
Sehr geehrter Meister Samsara,
Ihr habt ein Schloss, einen verwunschenen Berg, einen treuen Drachen und einen kreativen Frosch - aber habt Ihr auch ein Schlossgespenst? Zufällig weiß ich, dass Ihr keins habt und nun überlegt mal: Nacht für Nacht durch die Wände gehen, schauerlicher heulen als der Winterwind, mit den Fledermäusen tanzen, die schweren Eichentüren ins Schloss fallen lassen, ungebetene Besucher zu Tode erschrecken, ob es stürmt oder schneit, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr immer zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens - wollen Sie dass wirklich alles selber machen? Bestimmt wollen Sie das nicht und deshalb biete ich Ihnen meine Dienste als Schlossgespenst an. Gut, ich habe als Absolvent der Geisterschule von Magister Vollmond noch keine großen Erfahrungen sammeln können, aber ich bin bereit zu lernen und hart an mir zu arbeiten. Alle wollen ein zweihundert Jahre altes Gespenst mit mindestens vierhundert Jahren Erfahrung. Nur ein Zauberer wie Ihr einer seid, kann mir jetzt noch helfen. Ich werde mich am Donnerstag in dieser Angelegenheit bei Ihnen vorstellen.
Ihr (hoffentlich) zukünftiges Schlossgespenst
Sir Willibald
Samsara strich sich geschmeichelt über seinen langen Bart. „Soso ... ein Gespenst” murmelte er selbstvergessen. „Haben wir tatsächlich noch nicht .... nicht dass ich eins vermisst hätte in all den Jahren ... aber jetzt, wo sich eins bei mir bewirbt ...na ich kenne Magister Vollmond ja auch schon seit Jahrhunderten .... der weiß schon, was er an mir hat ... „ Der dicke Frosch Ottfried fiel ihm direkt in sein selbstzufriedenes Gebrabbel. „Dieser Sir Willibald schreibt doch selbst, dass er ein blutiger Anfänger ist. Vertrau lieber den Profis!” Dann vertiefte er sich wieder demonstrativ in seine Morgenzeitung. Samsara begann die Schubladen des Küchenschranks zu durchsuchen. „Irgendwo hatte ich doch ....” murmelte er dabei. Der Drache Butterpfote musterte ihn misstrauisch. „Was suchst Du?” „Ich suche mein Handy. Ich muss Magister Vollmond anrufen!” Samsara besaß erst seit zweihundert Jahren ein Handy und da er es höchstens einmal im Jahr benutzte, war es ständig verschwunden. Der Drache Butterpfote dagegen trug immer ein Handy am Gürtel, obwohl er nie Anrufe tätigte oder welche empfing. Aber er kannte alle Spiele, die auf dem kleinen Telefon gespeichert waren und verteidigte Jahr für Jahr erfolgreich seinen Titel als „Tetris - Schlossmeister” gegen Samsara und den dicken Frosch Ottfried. Butterpfote wählte Samsaras Nummer. Sofort begann ein alter Tontopf, in dem Samsara Knoblauch, Ingwer, Kurkuma und Chilischoten aufbewahrte, zu klingeln. Kleinlaut zerrte der Zauberer sein Telefon unter den würzigen Knollen hervor und rief Magister Vollmond an.
Der Magister klang anfangs ziemlich verschlafen, bei der Erwähnung des Namens Sir Willibald wurde er allerdings schlagartig wach. „Dachte, Du schaust ihn Dir mal an” knarrte er in die Funkwellen. „Ich weiß einfach nicht, was ich mit ihm machen soll. In meiner ganzen Laufbahn hatte ich kein so faules und untalentiertes Gespenst in der Ausbildung! Zu Lebzeiten hat er ein Schloss besessen, aber dann hat man ihn beschuldigt, einen Herzog umgebracht zu haben. Er schwor Stein und Bein, dass er es nicht gewesen sei, aber er ist dennoch im Kerkerkeller seines eigenen Schlosses verhungert. Normalerweise wäre er ja nach der Ausbildung bei mir als Gespenst auf sein Schloss zurück gekehrt, aber er erzählt immer etwas von einem geheimnisvollen Konkurrenten, der ihm die Sache angeblich versaut hat. Wie dem auch sei, Fakt ist, dass Sir Willibald immer noch lieber der Lebemann Sir Willibald als das Gespenst Sir Willibald sein möchte ...” Samsara unterbrach mit einem folgenschweren Satz. „Schon gut, ich nehme ihn.” „Dachte, Du schaust ihn Dir mal an” schnarrte der Magister. „Er müsste nachher gleich bei Dir vorbei kommen.” Samsara verschluckte sich an seinem Morgenkaffee. „Nachher gleich?” fragte er ungläubig zurück. „Na, heute ist doch Donnerstag!” Magister Vollmond wirkte verblüfft. „Ich muss jetzt weg. Also Samsara, alter Knabe, da kommt Arbeit auf Dich zu. Schlimme Arbeit, Erziehung sogar!! Was dieses Gespenst vor allem braucht, ist Disziplin!!! Ich ruf Dich demnächst an!” Mit diesen Worten legte der Magister auf.
Einen Atemzug später erwachte der schmiedeiserne Türklopfer aus seinem Jahrhundertschlaf und schlug gegen das Eingangstor. Die drei Freunde standen wie vom Donner gerührt. Der Drache Butterpfote war der erste, der sich wieder im Griff hatte. Langsam öffnete er das knarrende Tor. Ein waschechtes Gespenst schwebte knapp über dem Erdboden in die Eingangshalle. Es bestand eigentlich nur aus einem weißen Bettlaken an dessen Kopfende zwei schwarze Augenschlitze wie Kohlestückchen schimmerten. Über die rechte Schulter hing ihm eine grobgliedrige Eisenkette, die dort, wo eine normale Gestalt so etwas wie Füße gehabt hätte, in einer schweren Sträflingskugel endete. Der dicke Frosch Ottfried hüpfte auf den ungebetenen Gast zu und befingerte die Eisenkugel mit wissenschaftlichen Interesse. „Das ist der beste Blitzableiter, den ich je gesehen habe”, teilte der praktisch veranlagte Frosch ungefragt mit. „Respekt!”
Das Gespenst seufzte tief und leer. „Das ist alles, was mir aus meiner Kerkerzeit geblieben ist und um es ganz deutlich zu sagen: es ist kein Blitzableiter!” Es hielt kurz inne und bedachte den dicken Frosch Ottfried mit einem vernichtenden Blick. Dann schwebte es langsam auf Samsara zu. „Meister Samsara? Der Zauberer, der allein es verdient, Meister genannt zu werden?” Samsara hüstelte geschmeichelt. „Nun ja ... höchst selbst ... fahren Sie bitte fort!” Das Gespenst breitete die Arme unter seinem Bettlaken aus. „Hier stehe ich Ihnen heute zu Diensten, ich ... Sir Willibald ... ein armes, arbeitsloses Gespenst ...” Samsara unterbrach ihn. „Lasst uns in den Salon gehen. Ich werde sehen, was ich an Tee und Keksen zusammen zaubern kann und dann, Sir Willibald, sollten Sie uns Ihre ganze Geschichte erzählen.”
Bei süßen Mürbeteigkeksen, Haferplätzchen und dampfenden Tee erfuhren Samsara, der dicke Frosch Ottfried und der Drache Butterpfote die traurige Lebens- und Gespenstergeschichte von Sir Willibald.
Sir Willibald hatte zu großen Hoffnungen berechtigt, als er am Rande einer großen Hafenstadt als jüngster Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie geboren wurde. Eine Zeitlang konnte Sir Willibald die erfolgreichen Geschäfte seines Vaters weiterführen, bis eines Tages das Böse den Weg in die Stadt fand.
Das Böse hieß Celthusa. Er war ein Piratenkönig und wurde auf allen sieben Weltmeeren steckbrieflich gesucht. Grauenvoll war er anzusehen, in seinem weiten blauen Piratenmantel und den klobigen Stulpenstiefeln, in deren Schäften messerscharfe Dolche steckten. Am Gürtel trug Celthusa einen riesigen goldenen Krummsäbel, den er seinerzeit dem Sultan von Konstantinopel abgeknöpft hatte. Sein heiseres Lachen schäumte und gurgelte wie frische Meeresbrandung und seine Grausamkeit kannte keine Grenzen. Celthusa kam mit seinen Schiffen am frühen Morgen in den Hafen und schon am Nachmittag geschah dort nichts mehr ohne seine Befehle. Der Piratenkönig thronte auf dem Deck seines Schiffes unter einem Sonnensegel und bellte seine Anweisungen. Als er am späten Nachmittag den erfolgreichsten Kaufmann des Ortes sehen wollte, brachte man ihm Sir Willibald.
Der junge Sir Willibald war zwar als Kaufmann und Partylöwe aber noch nie als Held in Erscheinung getreten. Auch jetzt rutschte ihm das Herz schlagartig in die Hose. Wenn Sir Willibald auch nur für einen Moment den Gedanken hegte, diesem Celthusa die Stirn zu bieten, so verwarf er ihn augenblicklich. Statt dessen schlug er die Hacken zusammen und dienerte, bis sich sogar die respektlosen Hafenmöwen vor Scham die Augen zuhielten. Der Piratenkönig Celthusa wünschte, in die feine Gesellschaft des Landes eingeführt zu werden und Sir Willibald, der sich in der feinen Gesellschaft aufgrund der Bälle und Sommerfeste, die er für sie in seinem Schloss veranstaltete, einen Namen gemacht hatte, lud ihn artig zur Ballnacht im nächsten Monat ein. Sogar der Herzog würde kommen. Celthusa lachte dröhnend, schlug Sir Willibald auf die Schulter, dass der in den Knien federte und nahm die Einladung an. Sir Willibald legte den Weg nach Hause entgegen seiner Gewohnheit zu Fuß zurück und schimpfte sich selbst einen feigen Trottel. Damit hatte er durchaus recht, doch dass änderte nichts daran, dass er ein Problem hatte. Die feine Gesellschaft würde Celthusa nie akzeptieren und wenn er ihn als seinen Gast vorstellen musste, war er ein für alle mal erledigt. Eine Woche lang hockte Sir Willibald in seinem Büro und ersann einen finsteren Plan.
In einer stockfinsteren Nacht versteckte er heimlich ein Diamantenkollier, das er eigentlich an den Hof des Herzogs liefern sollte, in einem alten Blechfass an Celthusas Ankerplatz. Am nächsten Tag meldete er den Verlust der Polizei. Der Polizeipräsident meinte, dass sei kein Wunder bei dem Gesindel, dass jetzt den Hafen beherrsche und gegen die niemand aufzumucken wage. Sir Willibald seufzte und ging. Drei Tage später war er wieder auf dem Polizeipräsidium und erzählte, dass er letzte Nacht Celthusa gesehen hätte, wie der sich an einem alten Blechfass an seinem Ankerplatz zu schaffen gemacht habe. Einen Tag vor dem Ball verhaftete die Polizei Celthusa als dessen Wachen im Wirtshaus waren. Das Diamantenkollier wurde in dem Blechfass gefunden und der Piratenkönig ins Stadtgefängnis geworfen.
Auf dem Ball tags darauf war Sir Willibald der Star des Abends. Der Herzog hielt sogar eine Dankesrede für ihn. Die schönsten Frauen wollten mit ihm tanzen. Sir Willibald war zufrieden. Wieder einmal hatte es sich gezeigt, dass List und Tücke mehr bewirkten als dümmliches Heldentum.
Irgendwann ging Sir Willibald in den Schlosspark, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Das letzte woran er sich später erinnern konnte, war ein dumpfer Schlag auf den Kopf.
Als er wieder zu sich kam, lag er mit einem blutbesudelten Schwert in der Hand auf dem Boden neben der Leiche des Herzogs. Vor ihm stand Celthusa und hinter ihm drängten sich neugierig die entsetzten Ballgäste. Celthusa legte sein Gesicht in verzweifelte Falten. „Die Intrigen dieses Verbrechers” , sagte er und deutete auf den immer noch benommenen Sir Willibald, „haben mich ins Gefängnis gebracht. Meine Wachen haben mich befreit, um Schlimmeres zu verhindern. Leider zu spät. Bürger dieser Stadt! Unser geliebter Herzog ist nicht mehr ... ich konnte es nicht mehr verhindern ... ergreift wenigstens jetzt seinen feigen Mörder!!!” Die Polizei und Celthusas Wachen schleppten einen schreienden und wild um sich schlagenden Sir Willibald in den Kerker unter dem Schloss. Sir Willibald hörte nichts mehr von der Welt. Anfangs brachten ihm Celthusas Wachen noch etwas Brot und Wasser aber nach einigen Wochen hörte auch das auf. Sir Willibald wurde vergessen.
In der Zwischenzeit war es Celthusa gelungen, Sir Willibalds Vermögen einzusacken und sich endgültig in der Stadt festzusetzen. Doch der neue Herzog wollte Celthusa so schnell wie möglich wieder los werden. Das letzte, was er im Kampf um die Macht gebrauchen konnte, war ein fähiger Konkurrent. Dem Herzog gelang es Celthusas Gefolgsleute durch Gunstbeweise, Versprechungen und Drohungen gegen ihren Herrn und Meister aufzuwiegeln. In einer stürmischen Winternacht brachten sie ihn um. Allerdings hatte keiner dieser Spießgesellen das Format, in Celthusas Fußstapfen zu treten und ohne ihren Piratenkönig zerstreute sich das Piratenvolk in alle vier Himmelsrichtungen.
Celthusa starb vor seinem Gefangenen. Sir Willibald verhungerte erst einige Tage nach dem feigen Mord an dem Piratenkönig. Genau das war sein Problem. Sir Willibald war bitter Unrecht geschehen und da er außerdem auf seinem eigenen Schloss gestorben war, stand es ihm eigentlich zu, auch auf diesem weiter als Gespenst zu hausen. Aber auch Celthusa war schlimmes Unrecht von seinen eigenen Kameraden angetan worden und auch er wurde zum Gespenst auf Sir Willibalds Schloss.
Grundverschieden wie beide Männer zu Lebzeiten gewesen waren, verhielten sie sich auch als Gespenster. Sir Willibald, für den jedes Geschäft ein solides Fundament haben musste, schrieb sich als Student an der Gespensterakademie von Magister Vollmond ein. Celthusa, die nie in seinem Leben eine Ausbildung gemacht hatte, arbeitete als Schlossgespenst ebenso freiberuflich wie in seiner vorherigen Tätigkeit als Piratenkönig. Er fragte nicht lange, sondern fing einfach an. Da die Welt ein ungerechter Ort ist, machte er seine Sache so gut, dass Sir Willibald nicht den Hauch einer Chance auf die Stelle mehr hatte.
Als Sir Willibald klar wurde, dass er sein Schloss endgültig verloren hatte, ließ er jedes Interesse an der Ausbildung zum Gespenst vermissen. Mühsam quälte er sich durch den Stoff. Ihm fehlte das Leben, die Liebe, die Feste und die Verbindlichkeiten aus Soll und Haben. In einer praktischen Prüfung erlitt Magister Vollmond einen Schreikrampf, als Sir Willibald einem Assistenten des Magisters, den er erschrecken sollte, nach einigen halbherzigen Seufzern und Heultönen allen Ernstes einen Cognac zum besseren gegenseitigen Kennenlernen anbot. Am Ende waren sowohl Sir Willibald als auch Magister Vollmond froh, als der Delinquent endlich sein Gespensterdiplom erhielt.
Nun gingen die Probleme allerdings erst richtig los. Sir Willibald fand keine Anstellung. Nahezu alle alten Schlösser verfügten bereits über ein Schlossgespenst und die Bauherren der wenigen neu erbauten Schlösser hatten kein Interesse an Gespenstern. In seiner Verzweifelung dachte er schon daran, sich als Gespenst selbstständig zu machen. Doch Magister Vollmond verwies auf die geringe Nachfrage am Markt und machte ihm klar, dass er als äußerst mäßiger Absolvent ohne eigene Referenzen nicht mit Aufträgen rechnen könne. Statt dessen gab er ihm Samsaras Adresse. „Der wäre vielleicht was für Dich”, verabschiedete er seinen früheren Schüler.
Sir Willibald drückte seinen Rücken in dass Sofakissen und grinste Samsara unsicher an. „So war das ...”, lächelte er schief, „ ... und nun bin ich hier ... als armes, arbeitsloses Gespenst ....” Samsara unterbrach den sich anbahnenden Monolog. „Du fängst morgen an”, beschied er dem freudig errötenden Gespenst. „Einzige Bedingung: bei Gewitter hast Du Außendienst!” Sir Willibald schaute verduzt aus seinem Bettlaken. „Außendienst? Bei Gewitter? Wieso?” Samsara zeigte auf Sir Willibalds Eisenkugel. „Wegen dem da. Bei Gewitter bist Du Blitzableiter.” Sir Willibalds ohnehin schon unsicheres Lächeln erstarb. „Blitzableiter? Ihr letztes Wort Meister Samsara?” Seine Stimme war ganz tonlos geworden. Doch Samsara kannte keine Gnade. „Mein letztes Wort. Für ein paar Gewitternächte Blitzableiter im Außendienst oder dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr armes, arbeitsloses Gespenst. Such es Dir aus.” Sir Willibald nickte mannhaft. „Dann Blitzableiter” sagte er in grimmiger Entschlossenheit.