Samsara & Sir Willibald

Regina, Richard, Conrad & Peter von Fircks

1. Kapitel Ein Zauberschloss auf dem Nebelberg.

Samsara lurt und feuert.
Die Ritter sind bitter.

Der Nebelberg ist nicht geheuer. Die Leute aus der Gegend mögen ihn nicht, ihre Mütter und Väter haben ihn schon nicht gemocht und deren Mütter und Väter auch nicht. Das ganze Jahr hängen dichte Nebelbänke an seinen steilen Flanken und der Gipfel sieht von weitem aus, wie in Zuckerwatte ertränkt. Normalerweise ist es still dort oben. Kein Laut dringt vom Berg ins Tal. Niemand aus der Ebene ist je auf dem Gipfel gewesen.

Einige hundert Menschenleben zuvor hatten edle Ritter und unedle Raubritter versucht, den Berg zu besteigen. Die Ritter wollten schöne Prinzessinnen beeindrucken, die Raubritter interessierte der im ewigen Nebel gefangene Berggipfel als Versteck und Lager.

Keiner von ihnen hat es bis nach oben geschafft. Immer wenn die Wagemutigen in die Nebelwände des Gipfels einstiegen, hallte ein ohrenbetäubendes Trompeten vom Berg. Kurze Zeit darauf blitzte und donnerte es im Nebel, dass einem das letzte bisschen Hören und Sehen vergehen konnte. Die Wände der Bauernhäuser im Tal wackelten und dicke Strohbündel rutschten von den Dächern. Die Kühe gaben an diesen Tagen keine Milch, die Hühner flatterten kopflos gackernd umher und die Schafe ließen sich nicht scheren. Jedes mal, wenn sich die Ritter aufmachten, den Nebelberg zu erobern, war das so. Die Bauern der Umgebung mochten die Ritter deshalb nicht besonders.

Diese Blechkameraden konnten einfach nicht akzeptieren, dass der Nebelberg ein Ort war, der in Ruhe gelassen werden wollte. Zu allem Unglück gab es unter all den Dummköpfen auch noch immer wieder welche, die es ganz genau wissen wollten. Am schlimmsten trieb es ein Raubritter, der mehr schlecht als recht in den Sümpfen hinter dem Horizont hauste. Er hatte vor, den Niederungen seines morastigen Lebens zu entkommen und auf dem Gipfel sein Raubschloss zu errichten. Dreimal rannte er gegen den Berg. Dreimal donnerte und blitzte es bis die Hühner Rühreier legten. Nach dem dritten Mal rollte nur noch die rotglühende Rüstung des Gipfelstürmers aus dem Nebel. Er selbst war und blieb verschwunden. Der Schmied des Dorfes schmolz die Rüstung ein und verkaufte das Metall mit einem satten Gewinn. Die Bauern vertranken das Geld und waren sich einig darin, dass der Sumpfritter einer ganz dummen Idee gefolgt war.

Die Bauern hatten recht. Bauern haben meistens recht. Der Spruch über ihre Bauernschläue kommt nicht von ungefähr. Die Idee des Sumpfritters war wirklich keine besonders gute. Hätte er es tatsächlich auf den Gipfel geschafft, dann hätte er feststellen müssen, dass dort schon ein wuchtiges, altes Schloss stand. Es war ein schönes Schloss, mit hohen Türmen, schroffen Zinnen und vorspringenden Erkern. Von den Dachkanten reckten Wasserspeier ihre langen Nasen hinab, auf denen steinerne Dämonen hockten. Hinter dem Schloss erstreckte sich ein weitläufiger Garten, in dem Blumenrabatten, Obstbäume, Gemüsefelder und Kräuterbeete miteinander blühten und grünten, obwohl die Sonne niemals durch den Nebel schien.

Der Schlossherr war ein alter Zauberer namens Samsara. Er lebte schon viel zu lange in dem Schloss, um sich noch daran erinnern zu können, wann er hier eingezogen war oder wer es ihm vermietet hatte. Inzwischen war es durch Dauernutzung in seinen Besitz übergegangen. Jedenfalls sah Samsara das so.

Samsara war ein Zauberer der alten Schule und legte großen Wert auf gepflegte Arbeitskleidung. Sein nachtblauer Kittel mit den goldenen Sternen war stets faltenfrei gebügelt und auch der gleichfarbene Hut kannte weder Knick noch Knitter. Samsara war eine stattliche Erscheinung, dafür putzte er sich auch jeden Morgen die Zähne, duschte und kämmte seinen langen, schneeweißen Bart.

Samsaras Tag verlief genau nach Plan. Vom Badezimmer begab er sich schnurstracks in die geräumige Schlossküche, wo seine beiden Gehilfen, der Drache Butterpfote und der dicke Frosch Ottfried schon auf ihn warteten.

Der Drache Butterpfote wohnte in einem warmen Schuppen am Ende des Gartens, der dicke Frosch Ottfried in einer Erdhöhle hinter den Kräuterbeeten, vor deren Eingang Kamille, Zitronenmelisse und Thymian wucherten. Da sich der dicke Frosch Ottfried beim Verlassen und Betreten seiner Höhle durch die Kräuter zwängen musste, roch er inzwischen selbst hauptsächlich nach Kamille, Zitronenmelisse und Thymian. Samsara fand diese Geruchsmischung so atemberaubend, dass er sogar ein Rasierwasser in der gleichen Note zauberte. Erst als er damit fertig war, fiel ihm ein, dass er sich ja als Bartträger gar nicht rasierte. Seitdem stand der Flakon unbenutzt im Badezimmer. Da Samsara, Butterpfote und Ottfried den ganzen Tag zusammen arbeiteten, trafen sie sich schon zum Frühstück in Samsaras Küche. Der Zauberer hatte beiden mehrfach angeboten, ganz zu ihm ins Schloss zu ziehen, doch Ottfried und Butterpfote bestanden darauf, sich nach Feierabend zurückziehen zu können.

Morgens bot sich Samsara immer das gleiche Bild. Der Drache Butterpfote mümmelte ein Butterbrot mit Salz und Pfeffer und schaute dabei gedankenverloren aus dem Fenster. Butterbrote waren sein Lieblingsessen. Leider schaffte er es nie, sie unfallfrei zu essen. Nicht nur dass er drachenhammerhart krümelte und kleckerte, es klebten auch ständig Buttereste an seinen Krallenpfoten. Das hatte ihm zu seinem Namen verholfen. Der dicke Frosch Ottfried blätterte in der Morgenzeitung und trank Kräutertee. Im Radio jaulte ein Hohlkopf mit einer Trompete den traurigsten Blues des Jahrhunderts in den Morgen. Kaum hatte der dicke Frosch Ottfried den Zauberer entdeckt, murrte er nur: „Der frühe Vogel fängt den Wurm!” Samsara konterte: „Der späte Zauberer würde Würstchen, Bouletten, Spiegelei und frisch gebrühten Kaffee beiweitem vorziehen”. Da weder Ottfried noch Butterpfote wahrhaftige Frühstückstypen waren, hatte sich Samsara längst damit abgefunden, dass es wohl bis zum Sankt - Nimmerleins - Tag seine Aufgabe bleiben würde, ein vernünftiges Frühstück zu zaubern.

Abends bestanden seine beiden Gehilfen darauf, selbst zu kochen, was Samsara die Gelegenheit gab, im Schlossgarten ein Gläschen vor dem Abendbrot zu genießen. Mehr als eins konnte er sich allerdings nicht erlauben, da der dicke Frosch Ottfried zum Abendbrot stets noch einen guten Tropfen aus seinem Erdhöhlenkeller hervorzuholen pflegte.

Nach dem Frühstück schickte Samsara den Drachen Butterpfote und den dicken Frosch Ottfried auf Erkundungstour um auszukundschaften, was sich rund um den Nebelberg so tat. Er selbst begab sich in sein Büro, um dem täglichen Papierkrieg zu Leibe zu rücken. Es waren die schlimmsten Stunden des Tages und je eher er sie hinter sich hatte, um so besser.

Kurz vor dem Mittagessen kehrten seine Gehilfen zum Schloss zurück und berichteten über die Lage in den umliegenden Dörfern. Samsara war immer über alle Vorgänge informiert. Trafen die Ritter Vorbereitungen den Berg zu erklimmen, wusste er es als erster. Eigentlich hatte Samsara nichts gegen die Ritter, solange sie artig ihre Turniere abhielten oder dem Minnesang frönten. Auch dass sie ab und zu etwas bekriegen oder erobern wollten, konnte er noch verstehen. Nur wenn sie dass ausgerechnet mit seinem Schloss versuchten, dann war Schluss mit Lustig. Auch der dicke Frosch Ottfried war gegenüber den Rittern nicht feindlich eingestellt, aber Ritter die nicht vom Nebelberg stammten, hatten seiner Ansicht nach auch nichts auf dem Nebelberg zu suchen. Der einzige, den die Ritter freuten, war der Drache Butterpfote. Nicht dass er sie mochte, aber ihr Auftauchen ermöglichte es ihm, seine Flug - und Feuerspeikünste zu trainieren.

Hatten der Drache Butterpfote und der dicke Frosch Ottfried bei ihren morgendlichen Rundflügen Ritter entdeckt, eilten sie gemeinsam mit Samsara zur äußersten Schlosszinne, wo die Lure aufgestellt war. Sie war so groß wie fünf Alphörner und stieß ein Trompeten aus, als ob sich hundert Kampfelefanten gegenseitig auf die Füße treten würden. Der dicke Frosch Ottfried positionierte sich im Ausguck und durchspähte den Nebel. Stiegen die Ritter in die Nebelbank ein, gab er Samsara das Signal. Der blies mit aller Kraft in die Lure. Dann wurde es laut. Die im dichten Nebel kletternden Ritter erwischte der Lurenstoß immer völlig unerwartet. Danach krabbelten nur noch die allerdümmsten weiter bergauf. Jetzt kam Butterpfote zum Einsatz. Auf Samsaras Frage: „Butterpfote, hast Du mal Feuer?” spuckte der Drache einen Feuerball in die Hand des Zauberers, der ihn mit einem Zauberspruch durch die Luft rasen ließ. Während die Ritter mit versengten Haaren und rußgeschwärzten Rüstungen bergab stolperten, zählte Butterpfote die Treffer und trug sie fein säuberlich in sein kleines, schwarzes Notizbuch ein.

Nach dem Abendbrot saßen die drei noch ein Weilchen im großen Salon und spielten Karten oder sie baten Ottfried, ihnen seine neuesten Fälle vorzulesen. Der dicke Frosch Ottfried war ganz nebenbei ein begabter Verfasser von spannenden Kriminalromanen. Samsara, der es liebte, wenn Ottfrieds Kommissar Frosch einen neuen packenden Fall löste, hatte ihm sogar ein Dichterzimmer im hinteren Teil des Schlosses eingerichtet, wo Ottfried in aller Ruhe an seinen Krimis schreiben konnte.

So hätte es weitergehen können. Die Veränderung kam schleichend. Im Lauf der Zeit versuchten immer weniger Ritter ihr Glück am Nebelberg und eines Tages kamen gar keine mehr. Die Lure verstummte. Im Nebelschloss zog Langeweile ein. Oft hockten die drei Freunde stundenlang in der Küche herum und überlegten, was sie nur tun könnten. Ab und zu schwang sich Ottfried auf Butterpfotes Rücken und erkundete die Gegend. Die Zeit der Ritter war vorüber und wer oder was auch immer ihnen folgte, schien keine Lust mehr zu haben, den Gipfel des Nebelberges kennen zu lernen.

Als dann noch der Blitz die Fahnenstange des Burgturms, die Samsara als Blitzableiter diente zerbrach, wurde es ungemütlich. Das Schloss lag auf dem Präsentierteller. Immer häufiger schlug nun der Blitz ein. Um ein Haar hätte es sogar den Schuppen von Butterpfote erwischt. Gewitternächte verbrachte der Drache von nun an im Schloss.

Eines Morgens stand Samsara nach dem Frühstück auf und sagte: „So geht es nicht mehr weiter! Wenn nicht bald was passiert werde ich noch wahnsinnig!” Der dicke Frosch Ottfried schob Samsara einen großen Umschlag zu. „Es ist schon etwas passiert”, knurrte er. „Wir haben Post.”

Kapitel 2

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