Wie die Rose zu ihrem Dufte kam
Es war einmal vor langer Zeit... da gab es einen zauberhaften Wald, so versteckt und von allem entfernt, dass nie ein Menschenauge seine Schönheit und Pracht mit glänzendem Blicke bewundern konnte.
Die mächtigen Bäume streckten ihr Blätterkleid dem leuchtend blauen Himmel entgegen und ließen ihr strahlendes Grün in der Sonne glänzen. Ihre Blätter tanzten zum Liede des sanften Windes, das klare Wasser des Baches gab mit seinem leisen Rauschen den Takt an. Ranken und Sträucher trugen mächtige Blüten, die den Wald in eine Farbenpracht hüllten, wie es sich kein Mensch vorzustellen vermag. Das Bächlein, welches sich durch diesen Zauberwald schlängelte, spiegelte die Farben in alle Himmelsrichtungen wider und tauchte mit den im Wasser schillernden Sonnenstrahlen alles in ein feenhaftes Glitzern ein. Die Tiere schienen auf dem Glanze zu schweben.
Doch das Faszinierendste an diesem Wald war wohl die Lichtung in der Mitte von all den Bäumen. Denn hier wuchs nur ein einziges farbenprächtiges Pflänzchen und erhellte die ganze Lichtung mit ihrem sanften Rot. Das Röslein liebte es, dem Winde zuzuhören, jeden Morgen in den Glanze der Sonnenstrahlen zu tauchen und ihr zartes Blütchen gen Himmel zu strecken. Das Röslein liebte es, am Tage die warme Sonne, und nachts die hellen Sterne zu bewundern. Doch bald würde ein Zeitpunkt kommen, an dem das Röslein etwas am Himmel bewundern konnte, was es noch nie zuvor erblickt hatte.
Wie erwähnt gedieh der Wald an einem weit entfernten Ort und so geschah es, dass der Mond das Wäldchen nur alle zehn Jahre einen Besuch abstatten konnte. Das Röslein war noch jung und hatte ihn somit noch nie erblicken können. Aber die Tiere des Waldes hatten ihr von diesem Spektakel berichtet und erzählten dem Röslein ebenfalls, dass es nun diese Nacht soweit sein würde.
Gespannt starrte das Röslein den ganzen Tag in den Himmel. Abends wünschte es der Sonne eine gute Nacht, eh diese hinter dem Horizont verschwand. Schließlich tauchten die ersten Sterne auf und das Röslein verspürte immer größere Aufregung. Jeden Moment konnte der Mond erscheinen und würde das Röslein mit einem breiten Lächeln begrüßen. Denn das, so hatten die Tiere erzählt, tat er bei allen neuen Lebewesen, die ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatten.
So wartete und wartete das Röslein, vergaß alles um sich herum und starrte nur in die schwarze Nacht. Doch mit einem Male wurde es wieder heller und das erste Morgenrot breitete sich am Horizont aus. Dann kam die Sonne und wünschte allen einen guten Morgen. Völlig verwirrt und traurig fragte sie die Sonne, wieso denn der Mond nicht gekommen sei. Diese antwortete, sie wüsste es nicht. Sie hätte ihn auch nicht gesehen.
Da begann das Röslein bitter zu weinen; jedes Blatt erzitterte vor Kummer und Schmerz und es wollte nicht mehr aufhören. Tränen rannen ihr über ihre zarten roten Blütenblätter, flossen den Stängel hinab und versiegten im Boden. Dann begann es zu regnen und die Tränen gelangten in das Bächlein und breiteten die unendlich große Trauer des Rösleins im Walde aus. Die Tiere tranken davon und die Bäume nahmen es auf. Der Wald verfinsterte sich, die Farben der Blüten wurden matt und das Wasser im Bach spiegelte den Glanze nicht mehr.
Als die Sonne eine Morgens wieder hinter dem Horizont vorkam, bemerkte sie mit Erschrecken, wie düster der Wald aussah und wollte wissen, was geschehen war. Die Tiere erzählten ihr vom weinenden Röslein und so fragte die Sonne das junge Pflänzchen, was es so sehr betrübte. Das Röslein schluchzte bitterlich, es habe den Mond so gerne sehen wollen und nun müsse es so ewig lange warten.
Das Röslein tat der Sonne so sehr leid, dass sich diese auf den Weg machte, um den Mond zu suchen. Drei Tage und drei Nächte suchte sie, bis sie ihn schließlich fand und ihm vom weinenden Röslein erzählte. Dem Mond tat es furchtbar leid, doch er war die letzte Zeit so müde gewesen, denn immer wieder schoben sich gemeine Wolken vor ihn und es kostete ihm viel Kraft, diese zu durchdringen. So hatte er es nicht geschafft, rechtzeitig zum Wäldchen zu kommen, doch würde er sich nun so sehr beeilen, um das Röslein endlich trösten zu können.
So machte er sich sofort auf den Weg, um dem armen Röslein zu helfen. Zwei Nächte später erreichte er den Wald. Auf der Lichtung konnte er das schluchzende Röslein hören, doch dieses bemerkte den Mond in seinem Schmerze gar nicht und so leuchtete der Mond hell auf das Pflänzchen hinab, um es auf ihn aufmerksam zu machen. Überrascht hörte das Röslein auf zu weinen und blickte hinauf. Kurz konnte es nicht glauben, was es da sah, doch dann begann es vor Freude und Glück zu lachen und es war das herzlichste und goldigste Lachen, welches der Mond je gehört hatte. Er wollte wieder gutmachen, was er angerichtet hatte, doch wusste nicht genau wie. Doch dann fiel ihm etwas ein, was der Wald in seiner ganzen Pracht noch nicht besaß. Er flüsterte es dem Röslein ins Ohr und dieses strahlte noch freudiger und sagte zum Mond, dieses Geschenk würde es für ewig glücklich machen.
So schenkte der Mond mit einem kleinen Zauber dem Röslein einen lieblichen und süßen Duft, welcher sich im Walde ausbreitete und alle Tiere neugierig machte und auf die Lichtung lockte. Das Blütchen des Röslein entfaltete sich vor Stolz in seiner vollen Größe und tauchte die Lichtung in ein wunderbares Rot und verbreitete den zauberhaften Duft noch mehr. Ihre Blüte richtete sie zum Mond, welcher sich an diesem glänzenden Anblick die ganze Nacht erfreute. Der Duft vertrieb jedes Fünkchen Traurigkeit und Schmerz aus dem Walde. So erblühte er am nächsten Tage wieder in seinem vollen Glanze und der Sonne kam es so vor, als sei er noch prachtvoller geworden.
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