Lichter der Erfahrung
von Katharina Schwenteck
Eine kleine Seele flog durch die einsamen Lande der vielen Tausend Welten, getragen von den Lüften der Gedanken. Es gab so viel und doch so wenig. Alles, was existierte, existierte nicht in ihr. In ihr gab es nur die Sehnsucht. Sie suchte ein Ringlein. Ein kleines Ringlein, welches sie für immer glücklich machen sollte.
Sie suchte es ihr ganzes Dasein. Sie verirrte sich in viele Gegenden, bis sie schließlich im Sande der stummen Wüsten ein Stimmchen vernahm. Es war ein Ringlein, welches begraben unter den Körnchen des Sandes begraben lag und um Hilfe bat. Die kleine Seele war so von Glück erfüllt und nahm das Ringlein ohne nachzudenken. Sie war stolz darauf, es endlich gefunden zu haben und trug es stets bei sich. Die Gedanken trugen sie hoch zu Lüfte, sodass jeder sie sehen konnte. Alle wollten das Ringlein sehen und konnten nicht glauben, dass das Seelchen so viel Glück gehabt hatte. Sie freuten sich für sie.
Doch der Stolz machte die kleine Seele blind. Er nahm ihr den Verstand, trübte ihre Sicht. Sie sah nur noch ihr Ringlein. Doch es wurde langweilig. Es schenkte ihr Macht, woran sie sich zu sehr gewöhnte. Sie begann, das Ringlein auszunutzen für ihre eigene Laune. Verletzte das Ringlein damit. Schließlich fiel einer der kostbaren Diamanten des Ringleins auf die kleine Seele. Diese Träne öffnete ihre Augen. Es tat ihr so furchtbar leid, was sie angerichtet hatte. Sie überlegte lange, warum sie das getan hatte, denn eigentlich war sie sehr gutmütig. Das hatte sie nicht gewollt. Wieso hatte sie sich vom Stolz so blind machen lassen?
Langsam fühlte sie, dass dies das falsche Ringlein gewesen war. Es gehörte nicht ihr, sondern wohl wem anderes. Sie musste es verlassen, nur dann würde sie sich wieder frei von ihrer Last fühlen. So geschah es und die kleine Seele ließ das Ringlein im Sande zurück. Es schmerzte sie, es alleine zu lassen, denn wieder verletzte sie das Ringlein. Die kleine Seele schenkte ihm viele Tränen und gab ihm das Ende eines Bändchens. Das andere Ende, so versprach sie, würde sie stets bei sich tragen, sodass das Ringlein immer wieder zu ihr finden kann. Denn sie wollte es nicht ganz alleine lassen, dafür tat es ihr zu sehr leid.
Nun war das Seelchen wieder einsam und begann ihre Suche von neuem. Anfangs bedrückte sie großer Schmerz. Er war eine Last und sie konnte nur sehr langsam fliegen, schwach über dem Boden. Doch mit der Zeit verschwand das traurige Gefühl, denn sie spürte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Hätte sie das Ringlein nicht verlassen, wäre es vielleicht noch unglücklicher durch sie geworden. Irgendwann kam das Ringlein kurz zu ihr und teilte der kleinen Seele mit, dass auch es selbst zu dieser Erkenntnis gekommen war. Das machte das Seelchen wieder glücklich und sie trennten sich in Freundschaft.
Aber dann begann die kleine Seele, diese Einsamkeit zu fürchten. Sie drückte, zog sie wieder näher an den Boden. Sie wollte nicht alleine sein, denn das machte sie krank. Ihre Wege wurden verfolgt von nassen Tränen. Jedoch eines Tages gelangte die kleine Seele zu einem breiten Tal, welches sich vor ihr erstreckte. Sie wurde neugierig und flog hinein, hinunter. Je tiefer sie kam, desto stärker vernahm sie ein leises Flüstern. War es nur der Wind der Gedanken? Oder suchte ein Gedanke ihre Welt der Gedanken? Oder suchten ihre Gedanken dieses Flüstern? War es nur Einbildung der Hoffnung?
Sie wurde neugierig und flog schneller. Im Tal erstreckten sich viele Bäume bis hin zum Hang auf der anderen Seite. Die kleine Seele flog auf den Wald zu, denn dort schien im Innern des Dickichts etwas zu leuchten. Sie bewegte sich sachte durch die vielen Pflanzen hindurch, kam dem Leuchten immer näher.
Dann konnte sie einen kurzen Blick erhaschen. Ein unglaubliches Leuchten erreichte ihre Sinne. Es bescherte ihr einen solchen Gefühlsdrang, den sie kaum zu erfassen vermochte. Ihre Gedanken wirbelten durch die Luft, es war so faszinierend. Doch mussten die Windzüge ihrer Gedanken das Blätterwerk der Bäume aufgescheucht haben, denn mit einem Male war das Leuchten verschwunden. Hatte sie es verschreckt? Sie hoffte nicht und flog weiter. Sie wollte wissen, was das war.
Schließlich war der Wald zu Ende und sie flog den Hang hinauf, denn gerade noch konnte die kleine Seele erkennen, wie das Leuchten hinter dem Hügel des Hanges verschwand. Sie hoffte, dass sich dahinter nicht noch mehr Wälder erstrecken würden. Ihre Hoffnung erfüllte sich, dennoch konnte sie das Ringlein nicht sehen. Denn vor ihr breitete sich eine weite Fläche aus, welche von dichtem Nebel getrübt wurde. Verwirrt und ziellos flog sie durch die Wolkenschleier. Wie sollte sie hier das Leuchten jemals wiederfinden?
Es war wohl verschwunden.
Schmerz. Schmerz der bittersten Enttäuschung durchfuhr die kleine Seele. Sie sackte auf dem Boden zusammen und wurde fast unsichtbar im Nebel. Diese Last erdrückte ihre Gedanken. Sie hatte nur noch einen - die Erinnerung an dieses zauberhafte Leuchten. Sie wollte es so gerne noch einmal wiedersehen.
Ein kleiner See von Tränen umrundete die kleine Seele und spiegelte ihre Trauer in alle Richtungen durch den Nebel. Überall legten sich Schatten nieder.
Die kleine Seele schluchzte lange Zeit. Sie kämpfte mit sich selbst. Sie wollte nicht aufgeben, auch wenn ihre Gefühle etwas anderes sagten. Nein, diesmal würde ihr Verstand siegen.
Irgendwann lichtete sich der Nebel an einer Stelle neben ihr und ein kleiner Fleck des Bodens wurde erhellt. Sie blickte ihn neugierig an, berührte ihn. Er war warm. Ein Stoß durchfuhr die kleine Seele, ein Stoß neuer Hoffnung und Mutes. Dieses Zeichen durfte sie nicht ignorieren. Es drängte sie förmlich dazu, sich wieder in Bewegung zu setzen.
So flog sie wieder weiter durch den Nebel. Sie weitete ihre Sinne aus, so weit sie konnte. Sie wollte das Leuchten wiedersehen. Nur dann konnte sie glücklich werden. Neue Gedanken formten sich in ihr, gefolgt von Gefühlen. Sie spürte so viel, es vermochte in die kleine Seele gar nicht hineinzupassen. Schließlich flog sie mit einem Ruck gerade nach oben und ließ all ihre Gefühle und Gedanken aus sich raus, verbreitete sie im Nebel. Dieser wurde mit einem Male von vielen buntern Lichtern durchzogen. Voller Erstaunen sah die kleine Seele, wie sich der Nebel langsam zu lichten begann.
Dann bemerkte sie in all dem bunten Leuchten ein besonders hellen Fleck. Es war das Leuchten, welches sie so lange gesucht hatte! Sie hatte es gefunden! Hoffnung und Glück überflutete sie, trieb sie an. Geradewegs flog sie auf das Leuchten zu.
Da lag es auf dem Boden, leuchtete sie kleine Seele an, lächelte sie an. Sie wusste, sie hatte es gefunden. Endlich. Es war ihr Ringlein.